Reif für Barmen?

Gedanken zum Barmer Bekenntnis von Pfarrer Hans Schlumberger

Man leistet sich theologische Nachdenklichkeit in unserer Landeskirche. Die Theologische Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen vom 31. Mai 1934 könnte eine der Bekenntnisschriften unserer Kirche werden. Eigentlich erfreulich. Hat doch das Barmer Bekenntnis die vier Grundsätze der Reformation in den heftigen Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus und seiner Mischung aus entschiedener Gottlosigkeit und frömmelndem Pathos neu entdeckt und bekräftigt: Allein in Christus – allein in der Heiligen Schrift – allein aus Gnade – allein aus Glauben. Oder, in positive Sprechweise gewendet: Christus genügt. Die Heilige Schrift genügt. Gottes Gnade genügt. Der Glaube genügt. Verfasst wurden die wie in Stein gemeißelten Sätze von Karl Barth, Hans Asmussen und Thomas Breit, der als junger fränkischer Theologe kurze Zeit am Windsbacher Pfarrwaisenhaus gewirkt hatte. Der gebürtige Windsbacher Karl Steinbauer wurde, oft in sehr kritischem Abstand zur bayerischen Kirchenleitung, einer ihrer kämpferischsten Verfechter.

Das Neue an Barmen: Die Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche wandte diese re­formatorischen Grundsätze nicht nur auf die Frage an, wie wir vor Gott und den Menschen frei und aufrecht stehen können, also auf die Rechtfertigung der Gottlosen vor Gott. Gut evangelisch verschafft sie ihnen Geltung in Fragen der offenbarten Wahrheit, der Kirchenordnung und des Verhältnisses von Kirche und Politik. Die Irrlehren, die sie damit abwehrt, sind erstmals nicht konfessioneller Natur, sondern politisch-ideologisch. Und erstmals formulieren evangelische Christen lutherischer, refor­mierter und unierter Kirchen einen gemeinsamen Bekenntnistext.

Bei uns ins Süddeutschland ist das Barmer Bekenntnis mit seiner knappen, an biblischer Klarheit orientierten Sprache merkwürdig wenig bekannt. Zusammen mit anderen ungehobenen Schätzen verbirgt es sich im Anhang unseres Gesangbuchs unter Nummer 907. Es lohnt sich, nachzulesen!

Äußerst verknappt und vergröbert und ohne die Lektüre des Originaltextes zu ersetzen lassen sich die sechs Thesen von Barmen so skizzieren: These I stellt der Vergottung von Geschichtsereignissen, Traditionen, Mächten und Gestalten als einzige Grundlage der Verkündigung der Kirche das eine Wort Gottes in Jesus Christus gegenüber. These II erklärt, dass kein Bereich des Lebens von Mensch und Gesellschaft von diesem Zuspruch und Anspruch Gottes ausgeschlossen bleibt – überall bedürfen wir der Vergebung, der Rechtfertigung und der Heiligung. These III verwirft die Auffassung, die Kirche könne ihre geschwisterliche Ordnung gängigen gesellschaftlichen Leitbildern anpassen. Insbesondere, so These IV in Abwehr des „Führerprinzips“, könne in der Leitung der Kirche das Prinzip des Dienens durch eines des Herrschens abgelöst werden. These V erinnert den Staat an seine Pflicht, nüchtern für Recht und Gerechtigkeit zu sorgen, und wehrt Versuche ab, Zuständigkeiten für Lebenssinn und Ideologie dem Staat zuzuweisen. These VI schließlich erinnert ähnlich streng die Kirche an ihre Sache: Nicht selbstgesetzten Zielen nacheifern, sondern dem Wort und Werk Gottes dienen.

Wer gründlich liest und sich ein wenig umschaut, erkennt: Die Zeit ist reif. Reif, das Barmer Bekenntnis neu durchzubuchstabieren. Unerwartet stark machen sich weltweit und sogar in Europa nationale Egoismen breit, als wäre nichts geschehen. In der Kirche schieben sich selbstgebastelte „Leitbilder“ und andere Selbstentwürfe gelegentlich vor die Klarheit des biblischen Worts. In anderen Weltgegenden erklären sich Ideologien und ethnische „Identitäten“ für Lebenssinn und Lebenserfüllung für zuständig, bei uns im marktliberalen Westen gelegentlich Firmen und Konzerne. Die Zeit ist reif.

Nun ist kirchliches Bekennen nicht einfach die Wiederholung historischer Texte im luftleeren Raum. Wir müssen uns die Mühe machen, die Frontstellungen heute zu erkennen, zu benennen und ihnen aktuell zu begegnen. Das kann nicht dadurch ersetzt werden, dass man die Barmer Erklärung jetzt endlich auch in Bayern als gültiges Bekenntnis unserer Kirche anerkennt. Wir werden Rosse und Reiter nennen müssen. Mit Fulbert Steffensky gesagt: Ein Wort, das keine Gegner hat, wird auch keine Freunde finden.

Die Zeit ist reif. Ist unsere Kirche reif für Barmen? Hat sie nicht in endlosen Debatten um Führung und Leitung Führungsprinzipien aus der Wirtschaft genauso kritiklos übernommen wie früher solche aus Militär, Behörden und Politik? Hat sie nicht in aufwendigen Beratungs- und Strukturierungsprozessen und Kampagnen viele Fehler und Schwächen der neoliberalen Marktwirtschaft um des Geldes willen beflissen wiederholt?

Reif für Barmen? Wir werden viel lernen und viel verlernen müssen. Es winken neue Klärungen, was unsere Sache ist und wer wir sind.

Hans Schlumberger